Die Energiewende braucht Infrastruktur – und die braucht Platz. EKZ, der Zürcher Netzbetreiber, baut derzeit sein Stromnetz aus: neue Leitungen für Photovoltaikanlagen, zusätzliche Trafostationen für E-Mobilität, verstärkte Trassen für industrielle Abnehmer. Doch wo Kabel verlegt, Masten gesetzt und Gebäude errichtet werden, verschwinden Wiesen, Hecken und Biotope. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich kommunizieren jetzt offen über diesen Zielkonflikt – und zeigen, wie sie ihn in der Praxis auflösen wollen.

Der Zielkonflikt: Mehr Netz, weniger Natur?

Die Zahlen sind eindeutig: Der Strombedarf steigt, die dezentrale Erzeugung wächst, das Netz muss mit. Netzbetreiber wie EKZ stehen vor der Aufgabe, Kapazitäten hochzufahren – und zwar schnell. Gleichzeitig verschärfen sich gesetzliche Vorgaben zum Biodiversitäts- und Landschaftsschutz. Das Problem: Infrastrukturprojekte sind per se flächenintensiv. Ein Umspannwerk versiegelt Boden, eine Freileitung fragmentiert Habitate, Baumaschinen verdichten Böden.

EKZ positioniert sich in seiner aktuellen Nachhaltigkeitskommunikation als Netzbetreiber, der beide Ziele ernst nimmt. Zentral dabei: ein internes Team, das ökologische Belange systematisch in Planungsprozesse einbringt – kein Greenwashing, sondern operatives Instrument. Wie glaubwürdig ist das?

Das 'Team Grün': Funktion und Arbeitsweise

EKZ hat ein spezialisiertes Team etabliert, das Bauprojekte von Anfang an begleitet. Die Aufgabe: ökologische Risiken identifizieren, Alternativen prüfen, Ausgleichsmaßnahmen konzipieren. Das Team arbeitet nicht isoliert, sondern ist in die Projektplanung integriert – von der Standortwahl über die Bauausführung bis zur Rekultivierung.

Konkret heißt das: Bevor eine neue Trafostation gebaut wird, prüft das Team den Standort auf geschützte Arten, kartiert Vegetation und Boden, bewertet die ökologische Wertigkeit. Ist ein Standort besonders sensibel, werden Alternativen gesucht. Lässt sich ein Eingriff nicht vermeiden, plant das Team Ausgleich – etwa durch Renaturierung an anderer Stelle, Anlage von Hecken oder Umwandlung von Intensiv- in Extensiv-Grünland.

Beispiel Trassenplanung: Korridor statt Kahlschlag

Bei Freileitungen setzt EKZ auf schmale Schneisen statt breiter Rodung. Statt Waldstreifen komplett zu roden, werden Korridore so geplant, dass Rand- und Unterholz erhalten bleiben. Das reduziert Fragmentierung und erhält Wanderkorridore für Wildtiere. Zudem verzichtet EKZ auf Herbizide unter Leitungen – Vegetation wird mechanisch gepflegt oder extensiv beweidet.

Die Praxis zeigt: Solche Maßnahmen verlangen Mehraufwand – in Planung, Bauzeit und laufendem Betrieb. Doch sie senken das Konfliktpotenzial mit Naturschutz-Behörden und Anwohnern. Projekte kommen schneller durch Bewilligungsverfahren, wenn ökologische Aspekte frühzeitig geklärt sind.

Biodiversität auf eigenem Grund: Von der Trafostation zur Blumenwiese

EKZ betreibt rund 200 Trafostationen und verfügt über eigene Grundstücke entlang von Leitungstrassen. Ein Teil dieser Flächen wird gezielt für Biodiversität aufgewertet. Statt Rasen werden artenreiche Blumenwiesen angelegt, statt Ziersträucher heimische Gehölze gepflanzt. Trafostationen erhalten extensiv begrünte Dächer, auf denen Wildblumen und Gräser wachsen.

Die Maßnahmen sind bescheiden im Einzelfall – ein paar hundert Quadratmeter hier, ein Dach dort –, summieren sich aber. EKZ will so messbare Flächen für Insekten, Vögel und Kleinsäuger schaffen. Das ist kein Ersatz für naturnahe Großflächen, aber ein Baustein.

Temporäre Baustellen: Bodenschutz und Rekultivierung

Jede Baustelle verdichtet und verändert Boden. EKZ hat Vorgaben entwickelt, die den Schaden minimieren: Oberboden wird separat abgetragen und gelagert, Baufahrzeuge fahren auf Schutzmatten, Flächen werden nach Abschluss rekultiviert. Klingt banal, ist aber nicht Standard in der Branche. Viele Baustellen hinterlassen verdichtete Böden, auf denen jahrelang nichts wächst.

EKZ arbeitet zudem mit ökologischer Baubegleitung – externe Fachleute, die vor Ort prüfen, ob Maßnahmen umgesetzt werden. Das erhöht die Verbindlichkeit und dokumentiert gegenüber Behörden, dass Auflagen ernst genommen werden.

Energiewende und Naturschutz: Kein Widerspruch, aber ein Spagat

Die Kommunikation von EKZ zeigt: Der Netzbetreiber ist sich des Dilemmas bewusst und sucht nach Lösungen. Das ist mehr, als viele Infrastrukturbetreiber leisten. Doch es bleibt ein Spagat. Die Energiewende verlangt schnellen, massiven Ausbau – das kollidiert strukturell mit langwierigen Planungsverfahren und ökologischen Schutzzielen.

Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Natur darf ein Projekt kosten, um den Klimaschutz voranzubringen? Die Antwort fällt je nach Standpunkt unterschiedlich aus. EKZ positioniert sich als pragmatischer Akteur, der beide Seiten ernst nimmt – ohne zu behaupten, dass es einfach sei.

Für Elektroinstallateure und Planer, die mit Netzbetreibern zusammenarbeiten, bedeutet das: Ökologische Aspekte werden Teil der Projektbedingungen. Wer Netzanschlüsse plant oder Energiemanagementsysteme integriert, sollte mit längeren Vorlaufzeiten rechnen – und mit Auflagen, die über reine Technikstandards hinausgehen.

Einordnung: Echte Strategie oder Kommunikations-Feigenblatt?

Die zentrale Frage lautet: Ist das 'Team Grün' von EKZ operative Realität oder PR-Konstrukt? Die verfügbaren Informationen lassen auf ersteres schließen. Die beschriebenen Maßnahmen – Trassenkorridore, Flächenaufwertung, Bodenschutz – sind konkret und überprüfbar. Sie passen zudem in den regulatorischen Kontext: Schweizer Netzbetreiber stehen unter wachsendem Druck, Umweltauflagen einzuhalten. Greenwashing wäre riskant, weil leicht nachprüfbar.

Trotzdem bleibt die Diskrepanz: Jedes neue Umspannwerk, jede Leitung, jede Trafostation verbraucht Fläche. Auch mit Ausgleich. Die Frage ist nicht, ob EKZ Biodiversität schützt, sondern wie viel Natur die Energiewende insgesamt kostet – und ob die Gesellschaft bereit ist, diesen Preis zu zahlen.

Relevanz für die Praxis: Was bedeutet das für Installateure und Planer?

Die Entwicklung bei EKZ ist kein Einzelfall. Netzbetreiber in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschärfen ihre Umweltstandards – teils freiwillig, teils regulatorisch getrieben. Für Elektrofachbetriebe ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen:

Längere Genehmigungszeiten: Netzanschlüsse für Photovoltaikanlagen oder Ladeparks dauern länger, wenn ökologische Gutachten nötig sind. Installateure sollten das in Projektplanung und Kundenkommunikation einkalkulieren.

Zusätzliche Auflagen: Baustellen müssen Bodenschutz-Vorgaben einhalten, Flächen nach Abschluss rekultiviert werden. Das erhöht Aufwand und Kosten.

Neue Kompetenzen gefragt: Wer Großprojekte plant – etwa gewerbliche PV-Anlagen oder Ladeinfrastruktur –, sollte ökologische Aspekte frühzeitig mitdenken. Das senkt das Risiko von Verzögerungen und Konflikten.

Zusammenarbeit mit Netzbetreibern: EKZ ist nicht der einzige Versorger, der ökologische Teams etabliert. Ähnliche Ansätze verfolgen BKW Energie in der Schweiz oder EVN in Österreich. Installateure, die regelmäßig mit Netzbetreibern arbeiten, sollten deren Anforderungen kennen.

Ausblick: Energiewende braucht Fläche – und Akzeptanz

Die Energiewende ist flächenintensiv. Netze, PV-Freiflächenanlagen, Windparks, Ladeinfrastruktur – alles braucht Platz. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für Biodiversität und Landschaftsschutz. Dieser Konflikt wird sich verschärfen, nicht auflösen.

EKZ zeigt einen pragmatischen Weg: Infrastruktur ausbauen, aber mit Rücksicht. Das kostet mehr Zeit und Geld, erhöht aber die gesellschaftliche Akzeptanz. Für die Branche bedeutet das: Ökologische Standards werden zum Wettbewerbsfaktor – nicht nur bei Netzbetreibern, sondern auch bei Installateuren, die glaubwürdig nachhaltig arbeiten wollen.

Die Frage lautet nicht, ob die Energiewende Natur kostet. Sondern wie viel – und wie sorgfältig wir mit diesem Preis umgehen. EKZ zeigt, dass beides geht: Netz ausbauen und Natur schützen. Nicht ohne Kompromisse, aber mit System.

Weitere Informationen zur Nachhaltigkeitsstrategie von EKZ finden Sie auf der Website des Unternehmens. Wer sich für energieeffiziente Gesamtkonzepte interessiert, kann die EKZ-Studie zu Energiemanagementsystemen lesen.