Der Schweizer Elektronikkomponenten-Hersteller Schurter baut sein Engagement im Automotive-Segment systematisch aus. Mit einem dedizierten Portfolio für die Fahrzeugindustrie tritt das Unternehmen aus Luzern in einen hart umkämpften Markt ein, in dem etablierte Tier-1-Zulieferer seit Jahrzehnten Standards setzen. Die strategische Neuausrichtung wirft grundsätzliche Fragen auf: Welche Komponenten und Technologien stehen im Zentrum, welche Marktanteile peilt Schurter an – und wie realistisch ist der Vorstoß gegen die geballte Konkurrenz?

Circuit-Protection als Türöffner in die Automobilindustrie

Schurter konzentriert sich bei seinem Automotive-Vorstoß auf Kernkompetenzen aus dem industriellen Komponentengeschäft. Im Mittelpunkt stehen Sicherungen, Leitungsschutzschalter, EMV-Filter und Eingabegeräte für Human-Machine-Interfaces (HMI). Diese Bausteine adressieren zwei zentrale Anforderungen moderner Fahrzeuge: den Schutz hochsensibler Elektronik vor Überstrom und elektromagnetischen Störungen sowie die Bedienbarkeit komplexer Infotainment- und Assistenzsysteme.

Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs und die Vernetzung von Fahrzeugen erhöhen die Komplexität der Bordnetze erheblich. Batteriemanagementsysteme, Laderegler, DC/DC-Wandler und Hochvolt-Verkabelungen erfordern robuste Circuit-Protection-Lösungen, die mechanische Vibrationen, extreme Temperaturschwankungen und hohe Ströme zuverlässig beherrschen. Genau hier setzt Schurter mit seiner langjährigen Erfahrung aus der Industrieelektronik an – ein Transferansatz, der auf den ersten Blick logisch erscheint, in der Praxis aber hohe Hürden mit sich bringt.

Automotive-Qualifizierung: Die zentrale Herausforderung

Die Automobilindustrie stellt an Komponenten deutlich strengere Anforderungen als die meisten anderen Branchen. AEC-Q100-Qualifizierungen für integrierte Schaltungen, IATF 16949-Zertifizierungen für Qualitätsmanagementsysteme und PPAP-Prozesse (Production Part Approval Process) sind Standard. Jede Komponente muss über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus – typischerweise 15 Jahre und mehr – verfügbar bleiben, selbst wenn die Stückzahlen einzelner Modelle überschaubar sind.

Für einen Komponentenhersteller wie Schurter, der bislang vor allem Industrie-, Medizintechnik- und IT-Kunden beliefert, bedeutet der Einstieg in Automotive einen erheblichen Investitionsaufwand. Testlabore müssen erweitert, Produktionsprozesse dokumentiert und Lieferketten nach Automotive-Standards auditiert werden. Hinzu kommt die lange Time-to-Market: Von der ersten Musterfreigabe bis zum Start of Production (SOP) vergehen in der Regel zwei bis vier Jahre – eine Zeitspanne, die für Neulinge im Automotive-Geschäft ein erhebliches Risiko darstellt.

Welche Rolle spielen HMI-Komponenten im Fahrzeug?

Neben Circuit-Protection positioniert sich Schurter mit Eingabegeräten und Schaltern für Human-Machine-Interfaces. Moderne Fahrzeuge ersetzen klassische mechanische Bedienelemente zunehmend durch kapazitive Touch-Oberflächen, haptische Feedback-Systeme und multifunktionale Drehgeber. Schurter hat zuletzt HMI-Komponenten zu Komplettsystemen gebündelt und könnte diese Expertise nun im Automotive-Bereich ausspielen.

Allerdings ist der Wettbewerb in diesem Segment besonders intensiv. Etablierte Anbieter wie Phoenix Contact, Schneider Electric und spezialisierte Automotive-Zulieferer wie Preh oder ZF haben langjährige Kundenbeziehungen zu OEMs und verfügen über erprobte Plattformen. Schurter muss daher entweder mit deutlich innovativeren Lösungen oder attraktiveren Preisen antreten – beides ist bei den engen Margen im Automotive-Geschäft eine Herausforderung.

Elektromobilität als Wachstumstreiber

Der Boom der Elektromobilität könnte Schurter in die Karten spielen. Batterieelektrische Fahrzeuge benötigen deutlich mehr Schutzbauteile als Verbrenner: Neben den klassischen 12-Volt-Bordnetzen müssen Hochvolt-Systeme mit 400 oder 800 Volt abgesichert werden. Gleichzeitig steigt die Zahl der elektronischen Steuergeräte (ECUs) – moderne E-Fahrzeuge können 100 oder mehr ECUs enthalten, jede davon mit eigenen Anforderungen an Überstromschutz und EMV-Filterung.

Die Ladeinfrastruktur bietet ein weiteres Einsatzfeld. Wallboxen, DC-Schnellladesäulen und Vehicle-to-Grid-Systeme erfordern ebenfalls robuste Leitungsschutzschalter und Filter. Hier könnte Schurter vom Know-how aus dem Energiemanagementsystem-Bereich profitieren und ähnliche Lösungen wie für stationäre Anwendungen anbieten. Die Frage bleibt jedoch, ob das Unternehmen schnell genug skalieren kann, um relevante Marktanteile zu gewinnen.

Strategische Positionierung gegen etablierte Tier-1-Anbieter

Schurter tritt im Automotive-Markt gegen hochspezialisierte Wettbewerber an. Littelfuse und Eaton dominieren den Bereich Sicherungen und Circuit-Protection, TE Connectivity und Molex führen bei Steckverbindern, Alps Alpine und Valeo bei HMI-Komponenten. Diese Unternehmen haben über Jahrzehnte Vertrauen bei OEMs aufgebaut und profitieren von Größenvorteilen, die sie in aggressive Preisgestaltung ummünzen können.

Die Strategie von Schurter dürfte sich daher weniger auf Massenkomponenten als auf kundenspezifische Lösungen konzentrieren. Schurter hat in der Vergangenheit stark auf kundenspezifische Komponenten gesetzt – ein Ansatz, der auch im Automotive-Segment Differenzierung ermöglichen könnte. OEMs und Tier-1-Zulieferer suchen zunehmend Partner, die maßgeschneiderte Bauteile für spezifische Plattformen entwickeln und dabei kurze Entwicklungszyklen garantieren.

Marktchancen und Risiken im Überblick

Für Schurter bietet der Automotive-Markt erhebliches Wachstumspotenzial, birgt aber auch substanzielle Risiken. Die Volatilität der Fahrzeugindustrie – sichtbar an den jüngsten Produktionseinbrüchen durch Halbleiterengpässe und Nachfrageschwankungen bei E-Fahrzeugen – stellt eine Herausforderung für jedes Unternehmen dar, das bislang stabilere Industriemärkte bedient hat. Zudem könnten geopolitische Spannungen und veränderte Lieferketten die Automotive-Strategie beeinflussen.

Auf der anderen Seite eröffnet die Transformation der Automobilindustrie Chancen für neue Anbieter. Traditionelle OEM-Zulieferer-Beziehungen lockern sich, chinesische E-Auto-Hersteller suchen aktiv nach alternativen Komponentenquellen, und der Trend zu Software-definierten Fahrzeugen verändert die Architektur der Bordnetze grundlegend. Wer in dieser Umbruchphase die richtigen Partnerschaften eingeht und technologisch überzeugt, kann sich als Alternativanbieter etablieren.

Ob Schurter diesen Spagat gelingt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Veröffentlichung eines dedizierten Automotive-Portfolios ist ein klares Signal – ob daraus messbare Marktanteile und belastbare Umsatzbeiträge werden, hängt von der Umsetzungsgeschwindigkeit, der Qualität der Kundenbeziehungen und der Fähigkeit ab, in einem Preiskampf-Markt profitabel zu bleiben. Für Elektroplaner und Installationsbetriebe, die auch in der E-Mobilität und Ladeinfrastruktur aktiv sind, lohnt es sich, die Entwicklung zu beobachten – möglicherweise entstehen hier neue Bezugsquellen für Komponenten, die bislang nur über etablierte Tier-1-Kanäle verfügbar waren.