Der Schweizer Fachverband Electrosuisse, bekannt als Normengeber und Branchenvertretung für Elektro-, Energie- und Informationstechnik, bietet selbst Lehrstellen an. Auf der Website des Verbands finden sich aktuelle Stellenausschreibungen für Lernende. Der Schritt wirft die Frage auf, welche Berufsbilder ein Verband ausbildet, der primär für Standardisierung und Interessenvertretung zuständig ist – und was dies über die Arbeitsmarktsituation im Elektro- und Energiesektor verrät.

Verband als Ausbildungsbetrieb: Welche Berufe?

Electrosuisse positioniert sich damit nicht nur als Anbieter von Weiterbildungen und Zertifizierungen, sondern als aktiver Ausbildungsbetrieb. Anders als klassische Installationsbetriebe, die Elektroinstallateur-Lehrlinge ausbilden, oder Hersteller wie ABB oder Siemens, die industrienahe Berufe anbieten, dürfte das Lehrstellenangebot von Electrosuisse vor allem kaufmännische und technische Berufe im Verbandsumfeld umfassen. Denkbar sind etwa Mediamatiker, Kaufleute oder Informatiker, die mit den digitalen Angeboten des Verbands – von Normenvertrieb über E-Learning bis zur Mitgliederverwaltung – zu tun haben.

Die Tatsache, dass ein Verband überhaupt Lehrstellen anbietet, signalisiert zweierlei: Zum einen verfügt Electrosuisse offenbar über eine Organisationsgröße und -struktur, die einen dauerhaften Personalbedarf rechtfertigt. Zum anderen unterstreicht der Schritt das Selbstverständnis, als Vorbild in Sachen Nachwuchsförderung voranzugehen – ein Signal, das gerade in Zeiten des verschärften Fachkräftemangels an die eigenen Mitgliedsbetriebe gerichtet sein dürfte.

Fachkräftemangel im Elektrobereich: Zahlen und Engpässe

Die Schweizer Elektrobranche kämpft seit Jahren mit einem strukturellen Personalmangel. Besonders betroffen sind klassische Elektroinstallationsbetriebe, die für die Umsetzung der Energiewende – etwa beim Ausbau von Photovoltaikanlagen, der Installation von Smart Meter oder der Einrichtung von E-Ladeinfrastruktur – dringend qualifizierte Fachkräfte benötigen. Auch die Integration von KNX-Bus-Systemen in Wohn- und Gewerbebauten erfordert spezifisches Know-how, das oft fehlt.

Der Ausbau erneuerbarer Energien, wie er etwa im kürzlich aktualisierten PV-Leitfaden von Swissolar beschrieben wird, verschärft den Druck zusätzlich. Allein für die Installation und Wartung von Solaranlagen, Wechselrichtern und Energiespeichern werden in den nächsten Jahren Tausende zusätzliche Fachkräfte benötigt. Ähnlich sieht es im Bereich E-Mobilität aus, wo Installateure Wallboxen und Ladepunkte einrichten müssen – Aufträge, die viele Betriebe bereits heute nicht mehr annehmen können.

Warum Verbände ausbilden

Dass Electrosuisse als Verband selbst ausbildet, ist in der Schweizer Verbandslandschaft ungewöhnlich, aber nicht einzigartig. Andere Organisationen – etwa größere Energieversorger oder Industrieverbände – tun dies ebenfalls, um internen Personalbedarf zu decken und gleichzeitig ein Zeichen für die Branche zu setzen. Der Schritt kann auch als strategische Reaktion auf die Lücke zwischen Ausbildungsplätzen und Bewerbern gedeutet werden: Wenn die eigenen Mitgliedsbetriebe zu wenig Lehrlinge ausbilden oder wenn junge Menschen den Weg in Elektroberufe nicht mehr finden, übernimmt der Verband eine Vorreiterrolle.

Zudem kann Electrosuisse durch eigene Lehrlinge sicherstellen, dass Nachwuchskräfte mit den Verbandsstandards, Normen und digitalen Werkzeugen vertraut sind – ein Wissensvorsprung, der später den Mitgliedsbetrieben zugutekommt, wenn diese Absolventinnen und Absolventen einstellen.

Konsequenzen für Installationsbetriebe

Für Elektroinstallateure in der Schweiz hat das Lehrstellenangebot von Electrosuisse wenig direkte Auswirkung: Der Verband konkurriert nicht um klassische Elektroinstallateur-Lehrlinge, sondern bildet voraussichtlich Berufe für den eigenen Betrieb aus. Dennoch sendet die Initiative ein klares Signal: Die Branche muss selbst mehr in Ausbildung investieren, um die Versorgungslücke zu schließen.

Betriebe, die heute schon Schwierigkeiten haben, Aufträge im Bereich Energiemanagementsystem, PV-Montage oder Leitungsschutzschalter-Upgrades zu stemmen, sollten aktiv in eigene Lehrlingsausbildung und kontinuierliche Weiterbildung investieren. Gleichzeitig zeigt das Beispiel von Electrosuisse, dass auch branchennahe Organisationen gefordert sind, Nachwuchs zu fördern – sei es durch eigene Lehrstellen, Stipendien oder Praktikumsprogramme.

Branchenvergleich: Andere Verbände als Ausbildner

In anderen europäischen Ländern bieten ebenfalls Branchenorganisationen eigene Ausbildungen an. In Deutschland etwa engagieren sich der ZVEH und verwandte Institutionen vor allem über Bildungswerke und Kooperationen mit Innungen, seltener direkt als Ausbildungsbetrieb. In Österreich haben Organisationen wie die EVN Niederösterreich oder die BKW Energie in der Schweiz eine lange Tradition als Ausbildungsunternehmen – hier allerdings meist als Energieversorger mit eigenen Netzen und Infrastruktur, nicht als Verband.

Electrosuisse nimmt damit eine Zwischenposition ein: nicht primär operativer Netzbetreiber, aber groß genug, um eigene Stellen zu schaffen und Nachwuchs praxisnah zu fördern.

Was Betriebe jetzt tun sollten

Elektrohandwerksbetriebe in der Schweiz stehen vor der Wahl: entweder die eigene Ausbildungskapazität ausbauen oder in Zukunft im Wettbewerb um fertige Fachkräfte noch härter konkurrieren. Die Integration neuer Technologien – von KI-gestützter Schaltanlagenplanung über DC-gekoppelte PV-Großspeicher bis hin zu bidirektionalen Ladesystemen – erfordert kontinuierliche Weiterbildung, die viele Kleinbetriebe allein kaum leisten können.

Kooperationen mit Verbänden, gemeinsame Lehrwerkstätten und Verbundausbildungen sind mögliche Wege. Auch die Vernetzung mit Herstellern wie Schneider Electric, Hager Group oder Phoenix Contact kann helfen, Praxiswissen und Schulungsangebote zu bündeln.

Das Beispiel Electrosuisse zeigt: Wenn selbst Verbände zu Ausbildungsbetrieben werden, ist der Handlungsdruck in der Branche längst real. Wer heute nicht ausbildet, findet morgen kein Personal – und verliert im Wettbewerb um lukrative Aufträge im Bereich Energiewende und Gebäudeautomation den Anschluss.

Quellen