Der Schweizer Elektrotechnik-Verband Electrosuisse betreibt ein eigenes Portfolio an Fachzeitschriften für die Elektro- und Energiebranche. Die Publikationen richten sich an Installateure, Planer, Netzbetreiber und Energieversorger. Während viele klassische Fachmedien ihre Print-Ausgaben reduzieren oder einstellen, setzt der Verband weiterhin auf gedruckte Fachwissen-Vermittlung – ergänzt durch digitale Abonnement-Modelle.
Bulletin SEV/AES: Technische Kerndisziplinen im Fokus
Das Bulletin SEV/AES gilt als Flaggschiff im Zeitschriften-Portfolio. Die Publikation erscheint mehrmals jährlich und deckt schwerpunktmäßig Elektrotechnik, Energieversorgung und Gebäudetechnik ab. Typische Themen sind normative Änderungen bei Potenzialausgleich und Schutzmaßnahmen, technische Weiterentwicklungen bei Smart Meter-Infrastrukturen sowie Praxisfälle aus der Netzplanung. Der redaktionelle Zugang ist technisch-normativ: Artikel beleuchten häufig Umsetzungsfragen zu Niederspannungs-Richtlinien, Messkonzepten oder Sicherheitsvorschriften.
Für Elektroinstallateure, die mit Schweizer Normen arbeiten, bietet das Bulletin praxisnahe Auslegungshilfen – etwa zur Dimensionierung von Leitungsschutzschaltern in komplexen Verteilern oder zur Integration von Photovoltaikanlagen in Bestandsnetze. Die Zielgruppe sind Fachleute, die bereits über Grundlagenwissen verfügen und konkrete Handlungsempfehlungen suchen.
Electrorevue: Praxisorientierung für Installateure
Die Electrorevue wendet sich stärker an das ausführende Gewerk. Sie behandelt Themen wie Produktneuheiten, Projektbeispiele aus der Installation und Werkzeug-Tests. Im Unterschied zum Bulletin liegt der Schwerpunkt weniger auf normativer Tiefe, sondern auf direkter Umsetzbarkeit im Tagesgeschäft. Berichte über KNX-Bus-Projekte, Ladeinfrastruktur-Installationen oder Retrofit-Lösungen für Smart-Building-Technik stehen im Vordergrund.
Die Electrorevue erscheint ebenfalls in gedruckter Form und ist Teil des Mitglieder- oder Abonnement-Pakets. Sie dient als Brücke zwischen Hersteller-Information und redaktioneller Einordnung – ein Modell, das im B2B-Bereich noch funktioniert, solange die Inhalte nicht werblich wirken, sondern technischen Mehrwert bieten.
Weitere Publikationen: Energie und Netze im Blick
Neben den beiden Kern-Titeln betreibt Electrosuisse weitere Publikationsformate, die sich an Energieversorger, Netzbetreiber und Ingenieure richten. Hier stehen Themen wie Netzstabilität, Lastmanagement, Energiemanagementsysteme und regulatorische Rahmenbedingungen im Zentrum. Diese Formate erscheinen teils nur digital oder als Sonderausgaben und ergänzen das Print-Portfolio.
Besonders bei komplexen Themen wie der Integration von Energiespeichern in Verteilnetze oder der Dimensionierung von Ladeinfrastruktur für Gewerbe-Ladeparks bieten diese Publikationen Mehrwert. Sie greifen aktuelle Entwicklungen auf – etwa neue Förderrichtlinien oder Normenentwürfe – und bereiten sie für die Praxis auf. Der Verband nutzt sein Netzwerk aus Normengremien, Arbeitsgruppen und Kooperationspartnern, um frühzeitig an relevante Informationen zu gelangen.
Geschäftsmodell: Mitgliedschaft, Abonnement, Werbung
Das Zeitschriften-Portfolio finanziert sich über mehrere Säulen. Mitglieder von Electrosuisse erhalten ausgewählte Titel automatisch als Teil ihrer Mitgliedschaft. Nicht-Mitglieder können Einzel- oder Kombi-Abonnements buchen. Hinzu kommen Anzeigenerlöse von Herstellern wie Feller AG, ABB, Siemens oder Schneider Electric, die in den Zeitschriften Produktanzeigen schalten oder Fachartikel sponsorn.
Dieses Modell ist typisch für Verbands-Medien: Der Verband übernimmt die redaktionelle Arbeit, während Hersteller und Dienstleister über Anzeigen oder Native-Content-Formate Sichtbarkeit erhalten. Die Grenze zwischen redaktionellem Inhalt und Werbung ist in diesem Umfeld nicht immer trennscharf – ein Punkt, der in der digitalen Medienlandschaft zunehmend kritisch diskutiert wird.
Print versus Digital: Noch genug Reichweite?
Die Frage, wie lange gedruckte Fachzeitschriften in der Elektro- und Energiebranche relevant bleiben, wird auch bei Electrosuisse gestellt. Der Verband bietet inzwischen digitale Zugänge zu allen Publikationen an, teils als E-Paper, teils als HTML-Version mit Suchfunktion. Die Nutzungszahlen zeigen jedoch, dass vor allem die Generation 50+ weiterhin Print bevorzugt, während jüngere Fachleute zunehmend auf Online-Portale, Podcasts oder LinkedIn-Beiträge setzen.
Ein Vorteil der Verbands-Publikationen liegt in der Tiefe und Verlässlichkeit: Artikel werden von Fachautoren verfasst, teils mit Peer-Review, und durchlaufen eine redaktionelle Prüfung. In einer Zeit, in der ChatGPT-generierte Texte und SEO-optimierte Clickbait-Headlines die Online-Welt dominieren, bieten solche Formate eine verlässliche Informationsquelle. Die Herausforderung liegt darin, diese Qualität auch in digitalen Formaten sichtbar und zugänglich zu machen.
Vergleich mit anderen Verbänden: Swissolar setzt auf Online
Zum Vergleich: Der Schweizer PV-Verband Swissolar hat seine Kommunikation in den letzten Jahren stark digitalisiert. Anstatt eigene Zeitschriften zu betreiben, setzt Swissolar auf Website-Beiträge, Newsletter, Online-Leitfäden und Datenbanken. Das ist ressourcenschonender und erreicht ein jüngeres Publikum schneller. Swissolar aktualisiert beispielsweise seinen PV-Leitfaden regelmäßig online, ohne auf Print-Versionen angewiesen zu sein.
Electrosuisse verfolgt eine Hybrid-Strategie: Print für etablierte Mitglieder und Entscheider, Digital für schnelle Updates und jüngere Zielgruppen. Diese Doppelstrategie verursacht höhere Kosten, bietet aber Flexibilität. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich der Aufwand lohnt oder ob auch Electrosuisse den Print-Anteil weiter reduzieren muss.
Bedeutung für die Branche: Wissensvermittlung bleibt zentral
Unabhängig vom Medium bleibt die Wissensvermittlung für Verbände wie Electrosuisse eine zentrale Aufgabe. Die Elektrotechnik ist stark normativ geprägt, und Installateure, Planer und Netzbetreiber benötigen verlässliche Informationen zu Änderungen bei Normen, Technologien und Förderbedingungen. Electrosuisse überarbeitet regelmäßig das Regelwerk für Elektroinstallationen – solche Änderungen müssen kommuniziert werden.
Die Fachzeitschriften spielen dabei eine Rolle als Multiplikator: Sie erreichen nicht nur die Mitglieder, sondern auch Nicht-Mitglieder über Abonnements, Bibliotheken oder Bildungseinrichtungen. Ob diese Rolle langfristig an digitale Plattformen übergeht, hängt davon ab, wie gut diese Plattformen die Bedürfnisse der Zielgruppe erfüllen – und wie schnell sich die Branche an neue Formate gewöhnt.
Das Zeitschriften-Portfolio von Electrosuisse zeigt: Fachwissen lässt sich auch 2026 noch publizistisch vermarkten. Die Frage ist nicht, ob Print oder Digital, sondern wie beide Kanäle sinnvoll kombiniert werden können, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen. Für das ausführende Gewerk bleibt entscheidend, dass Informationen praxisnah, aktuell und zugänglich sind – unabhängig vom Trägermedium.